
Warum, zum Teufel, gibt ein 42-Jähriger den Traumjob eines Google-Deutschland-Chefs auf, um bei einem dubiosen Start-up namens Tremor Media nochmal ganz unten anzufangen? Peter Turi traf Christian Baudis, um diese Frage zu klären. So viel sei jetzt schon verraten: dahinter steckt eine besondere Technik, die Videowerbung für alle Online-Verleger profitabel machen soll - selbst wenn die gar keine Videos online haben.

Alles würde man ihm abkaufen, wenn er so 195 Zentimeter groß vor einem steht mit seinem Gewinner-Lächeln, dem vorwärtsstrebenden Kinn und der Statur eines Basketballers (der er auch ist). Kühlschränke in der Antarktis? Frostschutz in der Sahara? Sonnencreme in Hamburg? Alles kein Problem.
Christian Baudis, dem stets gut gelaunten Wahlmünchner, dem Verkäufer, der mal den Teleshopping-Kanal HSE 24 leitete, würde man einfach alles abkaufen. Nur in einem Punkt bleiben Fragen: Warum verlässt Baudis die Position des obersten Anzeigenverkäufers bei Google Deutschland (was der deutsche Geschäftsführer in Wahrheit ist) für ein No-Name im deutschen Markt? Warum verkauft er nicht Video-Anzeigen für YouTube, sondern müht sich, bei mittleren und größeren Online-Medien unverkaufte Video-Werbeplätze einzusammeln, um die dann gebündelt an Werbekunden zu verkaufen?
Ja mei, München ist halt viel schöner als Hamburg, die Unternehmenskultur bei Google auch nicht mehr das, was sie mal war - und vor allem:
Tremor Media ist zwar ein No-Name in Deutschland, aber in den USA eines der heißesten Start-ups im Markt. Und dann die "unternehmerische Herausforderung": Ganz Europa will Baudis für Tremor erobern, den Anfang machen mit ein oder zwei Dutzend Mitarbeitern in England und Deutschland.
Und Baudis (älteres turi2.tv-Video hier) glaubt fest an das Geschäftsmodell: Bei großen und kleinen Online-Publishern, sozusagen von spiegel.de bis hallohund.de, übrig gebliebene Webvideo-Werbeplätze - im Branchenjargon "Video-Inventar" genannt - aufkaufen und gebündelt beim Werbekunden vermarkten.
70 der 100 größten deutschen Websites will Baudis in den nächsten Monaten zum Mitmachen bewegen. Der Erfolg in den USA macht den Europa-Chef von Tremor zuversichtlich: Dort lassen 1.400 Partnersites, von führenden Publishern wie wallstreetjournal.com bis zum Fachportal Alternative Energy ihre Online-Videowerbeplätze von Tremor vermarkten. Mancher nur Restplätze, mancher das gesamte Angebot. Tremor setzt ganz auf Qualitätscontent und ein verlässliches Umfeld für die Werbekunden, zu denen u.a. Ford, IBM und Mars gehören - kein User Generated Content. Zusammen genommen macht das Groß- und Kleinvieh in den USA 'ne Menge Mist, so dass Tremor mit einer Milliarde Videoabrufen im Monat hinter YouTube, MySpace und Yahoo die Nummer 4 im Markt ist. "Wir werden in den USA von den Werbekunden wie ein Sender wahrgenommen", schwärmt Baudis mit Marketing-Schmelz in der Stimme.
Seine Hoffnung, dass dies auch in Europa funktionieren könnte, gründet Baudis auf eine Technik, die - so Baudis (wiederum mit Schmelz in der Stimme) - "Webvideo-Werbung für Publisher bequem und für Werbekunden zur Alternative zum Fernsehen macht". Das Wunderding heißt Acudeo und beseitigt auf einen Schlag, so Baudis, alle Probleme mit unterschiedlichen technischen Formaten - sozusagen das Schweizer Messer der Webvideo-Werbung. Das Potential für Webvideo-Werbung sieht Baudis auch deshalb sehr groß, weil er Videowerbung auch auf Seiten verkaufen kann, die gar keine Videos tragen. Dort schaltet Tremor einfach Werbung in bannerartigen Formaten, die sogenannte In-Banner-Werbung, die sich im Gegensatz zur In-Stream-Werbung vor, hinter oder mitten in ein Webvideo einklinkt. Anfang 2009 soll's in Deutschland richtig losgehen, dann hofft Baudis auf ganz neue Netzwerk-Effekte. Zum Beispiel könnte ProSieben Schnipsel mit Stefan Raab über das Tremor-Netzwerk mit Anzeigen versehen und dann unabhängigen Websites als Video-Content mit Werbung anbieten. Der Umsatz würde dann durch drei geteilt.
Baudis unterstreicht die Ernsthaftigkeit seines Bemühens mit zwei Personalien: Er holt Jörg Blumtritt, immerhin oberster Marktforscher bei Burda, zum Jahreswechsel als seinen Stellvertreter an Bord. Blumtritt, im Nebenjob passionierter Social-Media-Fan und Netzwerker, ist ein alter Kumpel aus gemeinsamen Tagen beim RTL-2-Vermarkter El Cartel. Und ums Deutschlandgeschäft kümmert sich künftig Stephan Boos, bisher Geschäftsführer beim Vermarkter ad pepper media. Und außerdem steht ein wichtiger Investor hinter Baudis und Tremormedia: Oliver Samwer und der European Founder Fund, sozusagen eine Bruderschaft der Berufsoptimisten.







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